Nichts

Mit diesem Beitrag möchte ich einen Gedanken veröffentlichen, der mir schon länger durch den Kopf geht. Er ist nur so eine Idee – keine Hypothese, eher Spass. Ich bin kein Astrophysiker. Der Gedanke, den ich hier formuliere, kommt am Ende aber zu einem Schluss, der mich zufrieden zurücklässt und mich nicht mehr nach dem Sinn des Lebens Ausschau halten lässt.

Irgendwann sass ich gelangweilt auf dem Klo, da schoss mir der Gedanke durch den Kopf, wie genial doch die Natur ist – am Beispiel der geringen Fehlerrate bei der Replikation der DNS. Je nach Spezies wird nur ein Baustein von hundert Millionen oder gar nur einer von einer Milliarde Bausteinen falsch eingebaut. Kein mir bekannter technischer Prozess ist so fehlerarm. Doch während ich mich noch über diese Präzision freute, fragte ich mich, wo die Evolution heute stünde, erfolgte die Replikation der DNS vollkommen fehlerfrei. Nun, sie stünde nahezu am Anfang – denn jede Spezies müsste von Grund auf neu entwickelt werden. Da dachte sich die Natur offensichtlich: «Ich bin doch nicht blöd», erfand den Fehler, und schon hatten wir die kambrische Explosion mit einer unbeschreiblich grossen Zahl neuer Arten. Der göttliche Funke, wenn man so will, bestand also in der Erfindung des Fehlers.

Doch während ich mich noch über diese geniale Erfindung freute, stellte sich mir die nächste Frage: Wo stünde die Evolution, wäre die Fehlerrate sehr hoch? Dann hätte sich jede Spezies von alleine wegmutiert, bevor sie überhaupt in den Kampf ums Dasein hätte eintreten können. Die Idee, Fehler zu fordern, damit konnte ich noch leben – aber auch noch eine Fehlerbreite anzunehmen, das war zu viel. Noch ärgerlich über diese Erkenntnis, fragte ich mich, ob es wirklich nichts Fehlerfreies gäbe. Die Frage machte an dieser Stelle eigentlich keinen Sinn – aber sie war einfach da. Und daraus folgte die nächste: Was, wenn selbst das Nichts nicht fehlerfrei wäre?

Sabine Hossenfelder hat in einem Gespräch mit Yves Bossart in der Schweizer Fernsehsendung «Sternstunde Philosophie» gefragt: Warum gibt es überhaupt etwas? Warum gibt es nichts? Wir können jedenfalls festhalten: Es gibt etwas. Wieso auch immer. Meine Schlussfolgerung: Das Nichts macht Fehler – und daraus entsteht etwas. Ein Urknall.

In meinem naiven mathematischen Verständnis sind das Nichts und das Unendliche natürliche Partner. Das Nichts kann also unendlich viele Fehler machen. Und jedes Mal entsteht ein Universum. Aus dieser Idee folgt zwingend: Es gibt ein Multiversum. Jedes Universum kommt mit seiner eigenen Fehlerrate daher. Manchmal ist eines mit einer passenden dabei – so wie unseres. Man muss also gar nicht fordern, dass es Universen mit bestimmten Fehlerraten geben muss. Die Fehlerrate kann für jedes einzelne Universum beliebig sein.

Das war die Lösung. Ich jubelte.

Doch dann kam der nächste niederschmetternde Gedanke: Wie sollte man diese Hypothese im Popperschen Sinn falsifizieren? Ehrlich gesagt: keine Ahnung. Etwas frustriert wollte ich den Gedanken ruhen lassen. Dann sagte ich mir aber: Es hat ja keiner eine endgültige Lösung gefordert. Gibt es vielleicht einen einfacheren Ansatz – mit mehr als einem Universum, aber einem, den man tatsächlich falsifizieren könnte?

Da kam mir der Gedanke, dass bei einem Urknall nicht ein Universum entsteht, sondern genau zwei. Die Summe beider ergäbe wieder genau nichts. Diese Hypothese würde es den theoretischen Physikern ersparen, mit irgendwelchen Quantenfluktuationen den Überschuss an Materie in unserem Universum zu erklären. Im Zwillingsuniversum gäbe es den entsprechenden Überschuss an Antimaterie.

Wie sollte man nun diese Hypothese falsifizieren? Da fiel mir ein, dass Gravitationswellen dabei eine Rolle spielen könnten. Eine Recherche ergab, dass Turok & Boyle 2018 genau diese Idee publizierten – und argumentierten, ihr Modell mache überprüfbare Vorhersagen, unter anderem über das Gravitationswellen-Hintergrundrauschen im frühen Universum.

So, das war es dann. Glücklich und zufrieden lehnte ich mich zurück und fragte mich, wie wahrscheinlich es wohl sei, dass ich als denkendes Wesen existiere und mir solche Gedanken machen kann. Die Wahrscheinlichkeit schien mir so klein, dass sie fast schon negativ wirkte. Aber – cogito ergo sum – da bin ich, denke und darf sein.

Der Sinn des Lebens, so wurde mir klar, besteht einfach nur im Sein. Im Sein-Dürfen. Kein Zwang mehr, nach irgendeinem Sinn zu suchen. Einfach nur seinen Weg gehen.

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