Eigentlich war die Sache erledigt. Zwei Universen, Gravitationswellen, Turok & Boyle – fertig. Dann aber fing ich an, genauer hinzuschauen. Und das Hinschauen hatte Folgen.
Was folgt, ist kein zweiter Anlauf, sondern eine Verlängerung – ein Weiterspinnen des Fadens, das mich in Gegenden führte, die ich nicht erwartet hatte. Der Titel «Noch mehr Nichts» ist genau genommen ein Widerspruch: Nichts lässt sich nicht steigern. Und trotzdem – wenn man lange genug über das Nichts nachdenkt, wird es erstaunlich voll.
Ausgangspunkt: Das zappelnde Nichts – und warum zwei Universen einfacher sind als unendlich viele
Am Anfang stand ein Bild: das Nichts als Zappelphilipp. Nicht als ruhender, leerer Zustand – sondern als etwas fundamental Unstetes, das nicht stillhalten kann und dabei Universen erzeugt.
Der Gedanke hat eine gewisse naive mathematische Eleganz: Das Nichts und das Unendliche sind natürliche Partner. Wenn das Nichts fluktuiert, warum dann nur einmal? Warum nicht unendlich oft? Aus dem Nichts könnten unendlich viele Universen entstehen – jede Fluktuation ein eigener Kosmos, jeder mit seinen eigenen Naturgesetzen, seiner eigenen Geschichte, seiner eigenen Fehlerrate.
Und wenn, in meiner ganzen naiven mathematischen Vorstellung, gilt, dass das Nichts mit dem Unendlichen verbunden ist, dann macht es unendlich viele Fehler. Versteht man jeden Fehler als Urknall, folgt daraus zwingend: Es gibt ein Multiversum.
Aber hier beginnt das Problem – und es ist dasselbe Problem, das Sabine Hossenfelder kosmologischen Spekulationen generell vorhält: Wie soll man ein solches Multiversum je überprüfen? Wenn jedes Universum eine vollständig getrennte Raumzeit ist, gibt es keinen Kanal, über den ein Signal von dort zu uns gelangen könnte. Eine Theorie ohne überprüfbare Vorhersagen ist keine Physik, sie ist bestenfalls Philosophie.
Die Lösung liegt in einer bewussten Vereinfachung: Ein Urknall erzeugt genau zwei Universen – Zwillingsuniversen, die gleichzeitig aus demselben Punkt entstehen. Diese Reduktion auf das Minimum ist kein Rückzug – sie ist eine strategische Entscheidung. Denn zwei Universen mit gemeinsamem Ursprung haben etwas, was ein unendliches diffuses Multiversum nicht hat: eine mögliche physikalische Verbindung, und damit eine mögliche Überprüfbarkeit.
Wenn man erst einmal gezeigt hat, dass es mehr als ein Universum geben kann, wäre schon einmal ein grosser Schritt gemacht. Man muss nicht gleich unendlich viele fordern. Zwei reichen, um das Prinzip zu belegen.
Schritt 1: Die Hypothese – aus dem Nichts entstehen zwei Universen
Die Hypothese lautet konkret: Beim Urknall entsteht nicht ein Universum, sondern genau zwei. Beide entstehen gleichzeitig aus dem Nichts, der selben Singularität.
Die beiden Universen breiten sich in unterschiedliche «Richtungen» aus – was das genau bedeutet, dazu später mehr. Wichtig ist: In beiden Universen nimmt die Entropie zu. Es gibt keine «umgekehrte Zeit» im thermodynamischen Sinne. Beide Universen erfahren aus ihrer jeweiligen Perspektive eine wachsende Unordnung.
Schritt 2: Bezug zur Wissenschaft – das CPT-symmetrische Universum
Dass zwei Universen aus einem gemeinsamen Ursprungspunkt entstehen, ist keine völlig neue Idee. Die Physiker Latham Boyle, Kieran Finn und Neil Turok haben 2018 ein Modell publiziert, das strukturelle Ähnlichkeiten zu dieser Hypothese aufweist: das CPT-symmetrische Universum, veröffentlicht im Physical Review Letters.
CPT steht für Ladung (Charge), Parität und Zeitumkehr (Time). Das Modell ist ein rein mathematisches Konstrukt: Es spiegelt die Raumzeit an der Singularität des Urknalls. Die Zeitumkehr hat dabei eine wichtige Konsequenz – vom Standpunkt unserer Zeitrichtung aus betrachtet verdichtet sich das Antiuniversum mit der Zeit und endet in der Singularität. Der Urknall ist also gleichzeitig der Anfang unseres Universums und das Ende des Antiuniversums. Die Singularität ist bei Boyle et al. kein gemeinsamer Startpunkt zweier Universen, sondern ein Wendepunkt – das eine Universum läuft in sie hinein, das andere aus ihr heraus.
Darin liegt ein entscheidender Unterschied zu dieser Hypothese. Bei Boyle et al. existiert das Antiuniversum vor dem Urknall – es ist das CPT-Spiegelbild der Zeit vor dem Urknall, während unser Universum danach entsteht. Die beiden Universen sind also nicht gleichzeitig, sondern in einem Sinne aufeinanderfolgend: Das eine «endet» im Urknall, das andere «beginnt» dort. Der Urknall ist bei ihnen ein Wendepunkt, ein Spiegel in der Zeit – nicht ein gemeinsamer Startpunkt.
In der hier entwickelten Hypothese hingegen gibt es kein Vorher. Beide Universen entstehen im selben Moment aus dem Nichts. Der Urknall ist kein Spiegel zwischen zwei Zeitepochen, sondern der einzige mögliche Anfang – für beide gleichzeitig und gleichrangig. Das «Vor dem Urknall» existiert schlicht nicht, und das Nichts hat keine Zeitrichtung.
Das Modell von Boyle et al. macht konkrete, überprüfbare Vorhersagen und fusst auf einem vollständig ausgearbeiteten mathematischen Formalismus. Für den weiteren Gedankengang besonders relevant: Es sagt ausdrücklich voraus, dass es keine primordialen langwelligen Gravitationswellen gibt – eine Vorhersage, die in den nächsten Jahren durch LISA und andere Instrumente getestet werden kann.
Bemerkenswert in diesem Zusammenhang: In der Quantengravitation – dem Versuch, Quantenmechanik und Relativitätstheorie zu vereinen – taucht Zeit als fundamentale Grösse gar nicht auf. Die Wheeler-DeWitt-Gleichung, eine zentrale Gleichung der Quantenkosmologie, enthält keine Zeitvariable. Physiker wie Carlo Rovelli argumentieren, dass Zeit keine fundamentale Eigenschaft der Natur ist, sondern eine emergente Erscheinung. Wenn das stimmt, kann man auf die T-Komponente der CPT-Symmetrie verzichten – und es genügt eine CP-Spiegelung zwischen den beiden Universen. Genau das ist der Ansatz dieser Hypothese.
Schritt 3: Zeit als Entropiezunahme – eine operative Definition
Da man, wie in Schritt 2 argumentiert, auf die Zeitkomponente der CPT-Symmetrie verzichten kann, wird Zeit im Folgenden rein operational verstanden – als Richtung zunehmender Entropie. Was Zeit fundamental ist, lässt sich wissenschaftlich nicht fassen und damit im Popperschen Sinne auch nicht falsifizieren. Die operative Definition hingegen schon: Zeit verstreicht in dem Masse, wie Entropie zunimmt. Mehr braucht es nicht.
Die unterschiedliche «Richtung» der Universen ist also nicht die Zeitrichtung im thermodynamischen Sinne. Mit «Richtung» ist gemeint, wie sich die beiden Universen grundlegend voneinander unterscheiden – möglicherweise in der Ausrichtung von Ladung und Parität, also in den CP-Dimensionen. Wie genau diese Unterschiede zu verstehen sind, lässt sich mit den heutigen physikalischen Mitteln nicht sagen – es fehlt der Formalismus, um zwei entstehende Raumzeiten überhaupt gemeinsam zu beschreiben. Was sich aber sagen lässt: Damit die Summe beider Universen wieder Nichts ergibt – Materie plus Antimaterie gleich null, Parität plus gespiegelte Parität gleich null – braucht das Modell eine CP-Spiegelung zwischen den beiden Universen.
Schritt 4: Kein zufälliger Anfangszustand – die Singularität als einzig möglicher Anfang
Ein weiterer wichtiger Einwand gegen Standardmodelle: der postulierte «zufällige» Anfangszustand des Universums. In vielen kosmologischen Rahmenwerken wird der Anfangszustand als statistisch aussergewöhnlich niedrige Entropie beschrieben – als wäre er aus einer riesigen Menge möglicher Anfangszustände «zufällig» herausgegriffen worden.
Doch dieser Gedanke ist vom Nichts aus falsch. Wenn vor dem Universum nichts war – kein Raum, keine Zeit, keine Materie –, dann gibt es auch keine Wahrscheinlichkeitsverteilung über mögliche Anfangszustände. Der Anfang ist kein zufälliger Punkt in einem Phasenraum. Er ist der einzig mögliche Punkt: eine Singularität. Maximale Dichte, minimales Volumen, noch nicht existierende Entropie.
Ein «Fehler im Nichts», wenn man diesen Gedanken zulassen möchte, bedeutet: im Nichts beginnen. Die Physik nennt diesen Anfang Singularität – einen Punkt, an dem Masse, Energie und Raumzeitkrümmung unendlich werden und die Gleichungen zusammenbrechen. Was das physikalisch bedeutet, wissen auch Physiker wie Hawking und Penrose nicht. Vielleicht aber liegt die Antwort näher, als die Physik ahnt. Als Michelson und Morley 1887 scheiterten, den Äther nachzuweisen, zog Lorentz daraus ein kühnes Postulat – die Längenkontraktion – das sich der direkten Beobachtung entzog, aber logisch zwingend war. In ähnlichem Geiste: Wenn alle Grössen gleichzeitig unendlich werden und die Mathematik kapituliert, wenn das Nichts und das Unendliche natürliche Partner sind – dann ist die Singularität nicht der Gegenpol des Nichts, sondern sein Gesicht. Ein Postulat, kein Beweis. Aber ein kohärentes.
Schritt 5: Gravitationswellen aus Aktion und Reaktion
Wenn beide Universen gleichzeitig aus demselben Punkt entstehen, liegt der Gedanke nahe, dass die Entstehung des einen die Entstehung des anderen «fordert» – als Gegenbewegung, als Reaktion. Das klingt nach Newtons drittem Gesetz: Actio gleich Reactio. Newton gilt streng genommen nur bei niedrigen Geschwindigkeiten, und im frühesten Universum herrschen Bedingungen, unter denen selbst Einsteins Relativitätstheorie an ihre Grenzen stösst. Aber als Bild, als Analogie, bleibt der Gedanke tragfähig: Etwas entsteht nicht aus dem Nichts, ohne dass das Nichts darauf antwortet.
Die beiden Universen stossen sich voneinander ab. Nicht im Sinne einer elektromagnetischen Abstossung, sondern im Sinne einer grundlegenden dynamischen Symmetrie des Ursprungsereignisses.
Beide Universen sollten Masse enthalten – und wo Masse und Dynamik zusammentreffen, entstehen Gravitationswellen. Ob das auch über die Grenze zweier entstehender Raumzeiten gilt, lässt sich mit der heutigen Physik nicht beantworten. Aber es wäre die naheliegende Konsequenz, wenn man die Analogie ernst nimmt.
Gravitationswellen entstehen bei extremen kosmischen Ereignissen: der Kollision von Neutronensternen, der Verschmelzung Schwarzer Löcher, möglicherweise auch bei Prozessen im frühesten Universum. Sie wurden 2015 erstmals direkt von LIGO nachgewiesen. Ihr entscheidender Vorteil: Sie wechselwirken kaum mit Materie und pflanzen sich daher fast ungestört fort – sie sind die reinsten Boten kosmischer Ereignisse.
Und hier liegt der Schlüssel zur Überprüfbarkeit. Beide Universen entstehen aus demselben Punkt. Das ist nicht nur eine philosophische Aussage, sondern eine physikalische: Sie teilen dieselbe Materieherkunft, dieselbe Singularität, denselben gravitativen Ursprung. Es handelt sich um dieselben Teilchen – gespiegelt bezüglich Ladung, Parität und Materie/Antimaterie, wie in Schritt 2 beschrieben. Für den folgenden Gedankengang ist allein die Masse relevant, weil nur sie gravitativ wirkt. Entscheidend ist dabei: Dieser gemeinsame Grenzpunkt ist es, der die Entstehung von Gravitationswellen in beiden Universen denkbar macht.
Mehr noch: In den allerersten Bruchteilen der Entstehung – wenn die Universen noch nicht vollständig getrennt sind – könnte es zu Reflexionen und Überlagerungen von Gravitationswellen kommen. Wellen, die in einem Universum entstehen, könnten am gemeinsamen Ursprungspunkt reflektiert werden und im anderen Universum eine charakteristische Signatur hinterlassen.
Gravitationswellen aus der Frühphase des Universums sollen mit dem geplanten Weltraumobservatorium LISA (Laser Interferometer Space Antenna, Startplanung ca. 2035) gemessen werden – und könnten damit auch die hier entwickelte Hypothese erstmals einer Überprüfung zugänglich machen. Eine verwandte Idee findet sich in sogenannten Bounce-Universum-Modellen: Dort «prallt» ein kollabierendes Universum an einem Wendepunkt ab, statt in einer Singularität zu enden – ähnlich einem Ball, der nicht zerschmettert, sondern zurückspringt. Der Auslöser ist ein anderer als hier, aber der gemeinsame Gedanke ist derselbe: Wo Massen wirken – ob durch Kollaps und Abprall oder durch die Abstossung zweier entstehender Universen – entstehen Gravitationswellen.
Schritt 6: Was die Hypothese von Boyle et al. unterscheidet – und warum das wichtig ist
Boyle et al. behandeln die beiden Universen als mathematisch gespiegelt, aber physikalisch getrennt und nicht wechselwirkend. Ihre Vorhersage: keine primordialen langwelligen Gravitationswellen – weil die CPT-Symmetriebedingung die entsprechenden Modi mathematisch eliminiert.
Die hier entwickelte Hypothese geht weiter und grenzt sich dadurch von Boyle et al. ab. Sie nimmt an, dass beide Universen physikalisch real und separate Raumzeiten sind – keine mathematische Spiegelung – und dass in beiden die Entropie zunimmt, ohne Zeitumkehr. Der gemeinsame Singularitätspunkt verbindet beide Raumzeiten gravitativ.
Daraus lassen sich zwei überprüfbare Vorhersagen ableiten:
- Primordiale Gravitationswellen – die Abstossung beider Universen am gemeinsamen Ursprungspunkt erzeugt Gravitationsstrahlung im extrem niedrigen Frequenzbereich, die sich als diffuses Hintergrundrauschen in unserem Universum nachweisen lassen sollte. Dieses primordiale Rauschen unterscheidet sich grundlegend von astrophysikalischen Quellen wie Neutronensternen oder Schwarzen Löchern: Es kommt gleichmässig aus allen Richtungen, hat ein charakteristisches Spektrum und liegt weit unterhalb der Frequenzen, die LIGO messen kann – weshalb Instrumente wie LISA oder Pulsar-Timing-Arrays nötig sind.
- Ein spezifisches Interferenzmuster – da beide Universen denselben Ursprung teilen, sollten die Gravitationswellen in unserem Universum Interferenzmuster tragen, die sich nur durch die Existenz eines Zwillingsuniversums erklären lassen. Dieses Muster wäre der eigentliche Fingerabdruck – nicht bloss ein Hinweis auf primordiale Gravitationswellen, sondern ein Nachweis ihres gemeinsamen Ursprungs.
Das wäre endlich eine Brücke zur Überprüfbarkeit – im Sinne von Hossenfelders Forderung. Nicht ein Multiversum, das per Definition unsichtbar bleibt, sondern ein Zwillingsuniversum, das eine spezifische Spur hinterlässt: ein charakteristisches Muster im primordialen Gravitationswellenhintergrund.
Nach aktuellem Kenntnisstand gibt es keine Widerlegung der hier präsentierten Hypothese. Was allerdings fehlt, ist der mathematische Formalismus, der zwei separate entstehende Raumzeiten mit einem gemeinsamen Ursprungspunkt und gravitativer Kopplung beschreibt. Diesen Formalismus kann ich als Nicht-Physiker nicht liefern – das bleibt eine offene Aufgabe für die theoretische Physik. Bis dahin ist dieser Gedankengang das, was er von Anfang an war: kohärent, aber kein Beweis. Und ehrlich gesagt – das ist auch in Ordnung so. Diese Ideen sind aus einer Diskussion entstanden, aus dem Vergnügen am Nachdenken, am Weiterspinnen eines Fadens.
Nachbemerkung: Schopenhauers Wille und das Nichts
Am Ende – oder eigentlich am Anfang – steht die tiefste Frage – und vielleicht die einzige, die sich physikalisch nicht beantworten lässt: Warum gibt es überhaupt etwas? Warum fluktuiert das Nichts? Schopenhauers Begriff des «Willens» wäre eine philosophische Antwort. Die Physik nennt es «Quantenfluktuation», aber das verschiebt die Frage nur: Warum gibt es Quantenfluktuationen?
Sollte es jemals gelingen, das Zwillingsuniversum nachzuweisen – sei es durch primordiale Gravitationswellen oder Interferenzmuster im kosmischen Hintergrundrauschen –, wäre etwas absolut Fundamentales gelungen. Und ausserdem könnte gezeigt werden, dass die Summe beider Universen wieder Nichts ergibt: Materie und Antimaterie heben sich auf – womit die theoretische Physik der Aufgabe entledigt wäre, den rätselhaften Überschuss an Materie in unserem Universum zu erklären.
Wenn die Summe beider Universen tatsächlich wieder Nichts ergibt, dann ist der Urknall kein einmaliges Ereignis – sondern ein Moment in einer Schwingung. Das Nichts fluktuiert nicht nur – es schwingt. Von Nichts zu Etwas, und irgendwann, vielleicht, zurück zu Nichts. Schopenhauer beschrieb das Grundprinzip der Welt als «Willen» – einen blinden, grundlosen Drang zur Existenz, ohne Zweck und ohne Grund. In diesem Kontext weitergedacht wäre Schopenhauers Wille Ausdruck eines ewigen Wandels – denn auch das Nichts kennt keinen Stillstand. Es fluktuiert, es pulsiert, es reisst sich immer wieder in die Existenz und kehrt zum Nichts zurück. Wandel ist nicht das Gegenteil des Nichts. Wandel ist sein Wesen.